Bosco/Gurin: einsame Bergseen-Rundtour

Bosco/Gurin ist das am höchsten gelegene Dorf im Tessin (1500 m) und ausserdem der einzige Ort in der italienischsprachigen Schweiz, wo seit über 600 Jahren ein deutscher Walserdialekt, das Gurinerdeutsch, gesprochen wird. Alleine schon diese Besonderheiten lockte uns, diesen abgeschiedenen Ort im Tessin als Ausgangspunkt für eine Wanderung zu wählen. Gurinerdeutsch geht so: «S Gurijnärtitsch isch dr hegschdalemanisch Dialäkt vù Gurin». Herrlich! Möglich, dass noch einige Einheimische diesen Dialekt sprechen – wir haben vor allem italienisch gehört.

Alleine die Fahrt (lange) durch das Valle Maggia bis Cevio und dann die enge Strasse durch das Valle di Bosco Gurin hoch bis zum Ausgangspunkt unserer heutigen Tour war spektakulär. Am Dorfeingang ein grosser Gratis-Parkplatz, die Zufahrt ins Dorf ist nur Anwohnern gestattet. Bei freundlichem Wetter und erst kurz vor elf Uhr marschierten wir direkt beim Dorfeingang rechts nach N haltend hoch zum Dorfteil Ferder. Nach den letzten Häusern bei P.1547 ein Wanderwegweiser, der uns nach NO wies, über schönes Wiesland über Lussa und Stocka leicht ansteigend. Ab P.1622 verlief die w-r-w-markierte Strecke durch Wald (Fèistana), um ab ca. 1788 m nach NW zu drehen und nahe einer trockenen Rinne stark anzusteigen, bis unterhalb Endra Staful die Baumgrenze erreicht war und die Richtung wieder nach NO drehte. Zeit für eine Trinkpause an der Sonne mit schönem Ausblick ins Valle Maggia und nach Bosco/Gurin und die nahen Berge. Bei der Alphütte Endra Staful (1937 m) wählten wir nicht den wiederum gut ausgeschilderten Direktaufstieg zum Schwarzsee/Lago Melo. Die Hütte auf Üssera Staful (2038 m) im Blickfeld, erreichten wir über einen mit grossen Tritten und folglich steiler werdenden Pfad. Über uns Wolfstafel, eine mit Granitblocks steile übersähte Halde. Wir hielten die Richtung so lange, bis wir unter der mächtigen Wand des namenlosen P.2506 gezwungenermassen nach links (also N) zu halten hatten. Die vielen Markierungen wiesen uns ausgezeichnet und eindeutig über kleinere und grössere Granitplatten; die vorgelagerte Felsrippe, über der wir den ersten der drei Seen, den Üssera See/Lago Pero, vermuteten, wirkte etwas bedrohlich. Und tatsächlich, der See vor uns, und über ihm der Pizzo d’Orsalìa (2664 m, T3) und rechts davon die Lücke namens Bocchetta d’Orsalìa (2443 m, T3). Der wunderschöne kleine Üssera See liegt auf 2395 m – der richtige Platz für eine Verpflegungspause (schliesslich war es kurz vor zwei Uhr). Ab hier hielten wir die Höhe und wanderten auf noch immer vorzüglich markierter Strecke westwärts bis zum Schwarzsee/Lago Melo (2316 m). Über uns der beeindruckende Pizzo d’Orsalìa. Ab hier führte eine Spur zur Endra Staful hinunter. Für uns war es zu früh für einen Abstieg. Also weiter auf dieser Höhe, nun immer ruppiger werdend – ein richtig schönes Granitblock-Labyrinth – zum Glück immer gut sichtbar markiert. Bis zum von weitem sichtbaren Übergang bei Lendar d’Herli hundert Hm Aufstieg. Bald erreichten wir den dritten auf 2420 m liegenden Lendar See. Ein paar Meter weiter war der mit ca. 2440 m höchste Punkt unserer heutigen Tour erreicht. Die ausgedehnte und blockige Route wurde hier enger, zur rechten überragt vom Strahlbann (ca. 2780 m), zur linken der Heij Bärz (2472 m). Zweieinhalb Kilometer vor uns der markante Martschenspitz/Pizzo Stella (2688 m, T3+) flankiert von den Übergängen Bocchetta Foglia (2419 m) zur rechten, und vom Guriner Furggu/Passo del Bosco (2323 m) zur linken. Der vor uns liegende Abstieg hinunter zur Alp Herli (-230 Hm) war fast schon lieblich, wenn auch noch immer recht holprig (hohe Tritte über Blocks). Etwa hundert Meter höher erblickten wir eine Kolonne von Schafen, welche unterhalb der Felsen spektakulär querten. Richtig schön wurde es dann, vom Gebimmel der vielen Ziegen (weisse, braune, schwarze) begrüsst zu werden. Und noch viel mehr: die gwundrigen Tiere kamen uns sehr nahe, wollten halt untersuchen, ob wir etwas Essbares oder zumindest ein paar Streicheleinheiten zu verschenken hatten – letztes hatten wir natürlich! Ein Stück weit begleiteten uns bestimmt dreissig dieser lustigen Tiere, wir hatten schon Bedenken, dass wir sie nicht mehr loswürden. Kurz vor einem Übergang über ein Bergbächli mussten wir sie etwas energisch zur Umkehr überreden – was erfolgreich gelang. Ab hier wäre die Querung bis zur Grossalp (im Winter ein Skigebiet) möglich; die Bahn (für eine Talfahrt) hatte aber geschlossen (geöffnet nur an Wochenenden). Also wählten wir den etwas steileren Direktabstieg über Bann. Unterwegs waren an drei Stellen noch Bäche zu überqueren, das Dorf noch immer 400 Hm unter uns(!). Leicht ermattet erreichten wir die schönen Häuser von Bosco/Gurin – mittlerweile waren wir über sieben Stunden unterwegs. Das hielt uns nicht ab von einem Rundgang durch das wunderschöne Walserdorf, am Schluss dann noch mit Einkehr in der Bar zum verdienten Panaché, die letzten Sonnenstrahlen geniessend. Für die Rückfahrt nach Comano liessen wir uns alle Zeit der Welt – im Valle Maggia fanden wir sogar noch ein hübsches Grotto, wo man uns mit typischen Tessiner Spezialitäten verwöhnte.

Fazit:
Dieser Wanderausflug in eine der abgeschiedensten Gegenden im Tessin hat unsere Erwartungen übertroffen. Im Gegensatz zur gestrigen Tour trafen wir heute auf der gesamten Strecke keine einzige Menschenseele…

Wetterverhältnisse:
Freundlich/sonnig, zwischendurch bewölkt, angenehm warm, ca. 13 bis 20°, windstill.

Hilfsmittel:
Feste Wanderschuhe, Stöcke, GPS-Maschine

Parameter:
Tour-Datum: 6. September 2017
Schwierigkeit: T3
Strecke: 11.2 km
Aufstieg: ca. 1051 m
Abstieg: insgesamt ca. 1056 m
Laufzeit ohne Pausen: ca. 5 Std. 10 Min.
Laufzeit mit Pausen: ca. 7 Std. 20 Min.

Kamera:
Sony DSC-HX90V

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