Gemsfairenstock (2971 m) – ein Gipfel mag uns nicht (mehr)…

Seit Wochenmitte war klar – an diesem Sonntag werden wir wieder einmal den Gemsfairenstock „machen“ – bei bestem Winterwetter! Die Fahrt durchs Glarnerland über Linthal und auf der Klausenpassstrasse hoch zum Urnerboden UR kannten wir schon. Der grosse Parkplatz noch leer, also kein Stress – Zeit genug für einen Startkafi im Gasthof Urnerboden. Nur wenige Schritte bis zur etwas unterhalb gelegenen Talstation der Seilbahn Urnerboden-Fisetengrat. Der nette diensthabende Verantwortliche (Herr Stüssy) fragte aus Gründen der Sicherheit nach unserem Vorhaben – Gemsfairenstock, klar doch! Denkste!! Es sollte anders herauskommen…

Nach wenigen Minuten Bergfahrzeit verliessen wir die kleine Gondel und schnallten unsere Tennisschläger an unsere Füsse. Nicht ohne ein erstes Malheur zu erleben: Ruedis Handschuhe gefiel es in der Gondel, also abwarten, bis diese nach der Tal- und Bergfahrt endlich ankamen. Doris nutzte die Zeit, um schon mal zum Fisetenpass aufzusteigen, und dort die ersten Sonnenstrahlen zu geniessen. Nach zwanzig Minuten Wartezeit (ohne Sonnenbrand!) kam auch Ruedi endlich angekeucht. Auf den ersten paar hundert Metern (nicht zu nahe dem Grat entlang, da verwächtet, staunten wir nicht schlecht über die kritische Schneelage. Während im Tal zwischen Ennenda und Linthal viel Schnee lag, war das hier oben sehr knapp: vielleicht zwanzig Zentimeter. Im Bereich Ober Orthalten folgten wir einer schwachen (weil windverwehten) Spur, ab und zu über Grasbüschel und über Steine(!). Sehr viel Lärm also… Von früheren Begehungen wussten wir, wo das Rund Loch war – also verliessen wir die Spur, um links haltend (in Richtung O) in einer Rinne direkt aufzusteigen. Wenigstens hier lag ausreichend (Trieb-)Schnee, allerdings stark windgepresst und überdeckelt, so dass die Tritte auch von kleinen Rutschern begleitet waren. An dieser nord-exponierten Lage dachten wir an das aktuelle SLF-Lawinenbulletin (ältere Triebschneeansammlungen, klein aber störanfällig). Alles gut gegangen, wir standen vor dem Rund Loch. Der weitere Aufstieg bis zur Ober Sulzbalm war zwar ein von Steinmännern markierter steiler Hang, mal bis auf ein Schneeschäumchen abgeblasen, dann wieder von Triebschnee bedeckt. Naja, wenigstens bestes Wetter und heute windstill, und jetzt auch die Sonne im Gesicht – Zeit für eine kurze Trinkpause! Vor, resp. über uns die bekannte Schlüsselstelle, eine Steilstufe – wir waren schon gespannt, welche Verhältnisse wir diesmal antrafen. Jedenfalls waren nur wenige undeutliche Spuren auszumachen – verständlich: bei solchen Verhältnissen wird dieser Skitourenklassiker eher gemieden. Schliesslich will hier niemand seine Bretter demolieren! Mit Schneeschuhen waren wir besser dran – dachten wir. Mutig stiegen wir in die ca. 38° steile Stufe, um die ca. 80 Hm zu überwinden. Auf dem losen Schiefergestein lag zu wenig Schnee, so dass wir trotz Einsatz der Frontzacken kaum Halt fanden in der steilen Querung. Doris voraus, Halt suchend, ich überholte um Tritte zu schlagen. In der Hälfte der Steilstufe dann Doris‘ Ausruf, dass sie es so nicht schaffe – auch daran denkend, dass wir dann hier wieder runter mussten. Ich, 10 m weiter oben, konnte zuschauen, wie Doris ausrutschte und ein paar Meter weiter unten etwas Halt fand. Das war das Signal für eine zwingende Neuorientierung – Umkehr. Alles andere wäre Zwängerei gewesen – auch wenn es bis zum Gipfel höchstens noch eine Stunde gewesen wären. Ich, leicht widerwillig, hatte keine Wahl – Umkehr und – Abflug. Mindestens zehn Meter über weichen Schnee und harten Geröll – Glück gehabt, nichts passiert, ausser weicher Knie. Gib es zu, lieber Gemsfairenstock, Du magst uns nicht, willst uns nicht (mehr) sehen!! Wolltest uns heute aus lauter Eifersucht den Ausblick zum schönsten Glarner, den Tödi, vorenthalten. Das werden wir Dir heimzahlen – warte ab!

Im Abstieg machten wir einen grossen Bogen um das Rund Loch und nutzten die verwehte und windgepresste Spur anderer Tourengeher. Auch kein besonderes Vergnügen, weil die gepresste Schmalspur etwa zehn Zentimeter über dem weichen Umgebungsschnee lag. Endlich, unterhalb der Ober Sulzbalm, fanden wir ein sonniges Plätzchen, um uns gegenseitig zu trösten und die trotzdem verdiente „Gipfelrast“ abzuhalten. Der weitere Abstieg (über Stock und Stein…!) dann ohne Hetze, um dann auf dem sehr sonnig gelegenen Bänkli etwas länger zu verweilen. Die Talfahrt hinunter nach Urnerboden dann ohne Wartezeit, weil laufend Schlittler hoch kamen, welche an der Talstation anstehen mussten(!).

Übrigens: auf der ganzen Tour haben wir gerade mal 4 Skitüreler gesehen, welchen den Bocktschingel als Tagesziel hatten – hoffentlich kamen die gut durch…

Fazit:
Im Nachhinein zu erkennen, dass die an sich wunderschöne Tour bei solchen Verhältnissen ungemütlich, vielleicht sogar gefährlich sein kann, wird uns eine Lehre sein. Und auf unserer nächsten Gemsfairentour nicht ohne Steigeisen und Pickel! Und: immerhin waren wir an der frischen Luft und hatten etwas Fitness betrieben.

Wetterverhältnisse:
wenig bis ca. 40 cm windgepresster Pulverschnee, wolkenlos, wenig Wind, Temperatur um Null Grad

Lawinengefahr:
Laut SLF Stufe 2 mässig (siehe Bild)

Hilfsmittel:
Schneeschuhe, Stöcke, LVS/Schaufel/Sonde

Parameter:
Tour-Datum: 29.01.2017
Schwierigkeit: WT3 (Steilstufe WT4)
Teil-Strecke: 5.6 km, Fisetenpass (2033 m) – Ober Orthalten (P.2233) – Rund Loch (P.2287) – Ober Sulzbalm – Steilstufe (ca. 2540 m) – Abstieg auf ungefähr gleicher Strecke
Aufstieg: ca. 550 m
Abstieg: ca. -550 m
Benötigte Zeit inkl. Pausen: 3 Std. 57 Min.
Benötigte Zeit ohne Pausen 2 Std. 34 Min.
Tageszeit: 09:30 bis 13:30 Uhr

Kamera:
Sony DSC-HV90V

4 Gedanken zu „Gemsfairenstock (2971 m) – ein Gipfel mag uns nicht (mehr)…“

  1. Kluger Schachzug von Euch beiden dort abzubrechen.
    Den späteren Abstieg stelle ich mir doch schwierig vor,
    erst recht nach den beiden Ausrutschern der Renaiolo’s.
    Keine Sorge der Gemsfairenstock hat bestimmt Sehnsucht nach Euch beiden – ich auch 😉
    Alles Gute und LG Michael

    1. Normalerweise posten wir ja keine Berichte über abgebrochene Touren. In diesem Fall aber könnten unser ERfahrungen auch anderen Berggängern dienen. Und ja, den Gemsfairen kennen wir ja schon nach unseren Besteigungen 2011, 2012, 2014, 2015 und eben 2017. Bereits im Dezember 2015 mussten wir an der Steilstufe kapitulieren – damals hatte es etwas mehr Schnee, aber noch immer abrutsch-gefährdet. Aber den schaffen wir schon wieder – ist einfach eine schöne alpine Tour, und der Blick auf den Claridenfirn, die Claridenhütte und zum Tödi ist einfach beeindruckend. Halt die Ohren steif, damit Du wieder fit wirst! LG Ruedi

    1. Eben, deshalb haben wir abgebrochen – weil wir unbedingt am nächsten Sonntag mit euch auf Tour gehen wollen. Zurzeit trübt das Wetter allerdings etwas ein, die Prognosen für das Wochenende sind etwas zuversichtlicher, vielleicht mit Sonne und einzelnen Schneeschauern. Mal abwarten, wie sich das (und vor allem auch die Lawinensituation) entwickelt. Wir melden uns dann noch (DO oder FR). Liebi Grüess, Ruedi (und Doris)

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