Piz Nair 3055 m

Für heute war eigentlich die Tour auf den Piz Julier geplant. Doch daraus wurde leider nichts. Zu unsicher die Wettervorhersagen; für die Besteigung benötigten wir je nach Ausgangspunkt ca. 8 bis 10 Stunden, davon 3 Stunden im Klettersteig (Fuorcla Albana – Senda Enferrada und zurück). Gewitter sind an diesem Berg sehr gefährlich, also Vertagung! Ersatz war rasch gefunden: Piz Nair ab Corviglia, Abstieg über Pass Suvretta nach Champfèr. Das war ausgesprochen lohnend – und unterwegs haben wir gestaunt wie selten. Doch mehr darüber später…

Etwas früher als an den Vortagen starteten wir mit einer der ersten Bergfahrten ab St. Moritz mit der Standseilbahn nach Corviglia. Dort steht die Quattro-Bar provozierend im Gelände – gerade richtig für einen Startkafi. Um 09:20 Uhr dann der Start ab Corviglia-Industriezone auf bestens markierter Wanderstrasse hoch zur Alpinahütte. An dieser vorbei in Richtung Bergstationen von drei Wintersport-Transportanlagen. Und vorbei auch an der einzigen Stütze der Schwebebahn zum Piz Nair. Dort werden im Winter die Skiweltcupabfahrer rausgekippt und über ein paar dutzend Treppentritte zum spektakulär gelegenen Startpunkt getrieben – der Name dieser Plattform selbsterklärend: Freier Fall (Starthang 150 m Länge, 45 % Gefälle). Nein, hier haben wir (noch) nicht gestaunt – da bekannt vom TV. 200 Meter weiter dann die Verzweigung, wo das Fussvolk in die steile Wand gewiesen wird. Direkt unter der Schwebebahn stiegen wir hoch – ziemlich schweisstreibend. Vermutlich haben uns die Bahntouristen für Verrückte gehalten, jedenfalls winkten sie uns ganz verzweifelt zu. Na ja, wir winkten zurück, mit einer Hand nur, die andere benötigten wir um zu balancieren. Die Strecke bis zum Grat (P.2911) ist übrigens nirgends wirklich ausgesetzt, dafür aber ziemlich steil und rutschig. Auf dem Grat wird der Blick frei ins Valleta Schlattain, wo von der Fuorcla gleichen Namens «schwarz» abgefahren wird. Jetzt nur noch ein paar Tritte Aufstieg über felsige Stufen, und schon wurden wir von den Touris empfangen. Noch rasch die paar Höhenmeter zum Gipfel und ebenso rasch wieder runter – die Aussicht hier oben ist wirklich sehenswert, das viele Volk weniger. Wie auch immer: vor dem Gebäudekomplex steht Gian (oder ist es Giacen?), der musste unbedingt handygrafiert werden. Doch der hatte nur Augen für Frau Berahmi (siehe Bilder). Noch etwas anderes verursachte unser Stirnrunzeln: haben die dort oben unsere Aufstiegsroute doch tatsächlich für talwärts fahrende Velofahrer gesperrt – ein Rätsel!

Lange hielten wir es hier oben nicht aus – genauer gesagt für einen kurzen WC-Halt reichte es. Der Abstieg auf der roten Piste über die Errosions-Landschaft bis zum Lej da la Pêsch hinunter dauerte etwa dreissig Minuten. Unterwegs dünnte sich die Wanderschaft aus. In der Beiz war tote Hose, was man während der Skisaison nicht behaupten darf. Wir zogen oberhalb der Anlagen über zwei Kurven zum Pass Suvretta hinunter. Dort unten waren wir die einzigen Fussgänger. E-Biker dominierten die Szene, alle wählten die Abfahrt ins Val Bever hinunter. Gut für uns! Entlang dem schön gelegenen Suvretta-Seelein wanderten wir gemütlich und wenig steil der Ova da Suvretta entlang talwärts. Unterwegs wurden wir immer ehrfurchtsvoller: über uns der Granitkoloss namens Piz Julier, vor uns – ja was ist denn das? Staunend stehen wir bei Chaschigna unmittelbar vor einem Blockgletscher monumentaler Grösse – sowas haben wir bislang noch nicht gesehen (vielleicht mit Ausnahme des desjenigen im Val Muragl). Dazu schreibt Fredy Joss in der aktuellen Ausgabe der SAC-Zeitschrift ALPEN (08.2018) folgendes:

Bei Chaschigna, gleich neben dem Bergweg, baut sich eine Wand aus Geröll auf. Die Wand scheint langsam vorzurücken, denn offensichtlich wurde der Pfad schon mal überrollt und musste wieder neu ausgetreten werden. Ein aktiver Blockgletscher! Und einer, den man wortwörtlich hautnah erleben kann. Blockgletscher sind ein Hinweis auf Permafrost. Sie bilden sich aus Felsschutt, der im Innern von Eis zusammengehalten wird, und fliessen wie die «richtigen» Gletscher zu Tale, nur etwa hundertmal langsamer. Im Gegensatz dazu fliessen inaktive – man sagt auch fossile – Blockgletscher nicht mehr, flachen ab und sind oft schon von Pflanzen bewachsen.

Alleine schon dieser Blockgletscher war sehenswert und alleine deshalb hätte sich diese spannende Tour gelohnt. Im weiteren Verlauf des Abstiegs hielten wir bei der Abzweigung nach Randolins und zur Bergstation der Signalbahn geradeaus, um weiter entlang des Wildwassers abzusteigen. Während sich der Himmel schwärzte – so wie wir das von den Vortagen gewohnt waren – hofften wir trocken nach Champfèr hinunter zu kommen. Ab Futschöls führte der sehr gut unterhaltene Pfad durch den God Foppettas hinunter, mehr oder weniger steil. Kurz vor den ersten Häusern Champfèrs die ersten Tropfen, die uns aber nichts anhaben konnten. Nach ein paar Minuten Wartezeit bestiegen wir den Bus nach Pontresina.

Fazit:
Eine wie schon an den Vortagen der Witterung angepasste, jedoch ziemlich lange Gipfeltour auf einen von Touris stark frequentierten 3000er – weil dort halt eine Bahn hochfährt…

Hilfsmittel:
Stöcke, feste Bergschuhe, Kartenmaterial, GPS-Maschine

Parameter:
Tour-Datum: 21. August 2018
Anforderung: T3
Strecke: 12 km, Corviglia Bergststation (2486 m) – Alpinahütte (2565 m) – Munt da San Murezzan – P.2821 – P.2911 – Piz Nair Bergstation (3022 m) – Piz Nair (3056 m) – Lej da la Pêsch – Pass Suvretta (2615 m) – Lej Suvretta (2602 m) – P.2503 – P.2412 – Chaschigna P.2311 (Verzweigung zur Fuorcla Albana) – Blockgletscher – P.2148 – Futschöls (P.2012) – God Foppettas – Champfèr (Post)
Aufstieg: ca. 575 m
Abstieg: ca. -1220 m
Laufzeit ohne Pausen: ca. 3 Std. 45 Min.
Laufzeit mit Pausen: ca. 4 Std. 50 Min.

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