Sidelhorn 2764 m – ein winterlicher Aufstieg

Was für ein Tag heute! Nach der tollen Fahrt ab Beatenberg bis zur Grimselpasshöhe. Während des Startkafis im einzigen auf der Passhöhe noch geöffneten Restaurant (Berghotel Grimselblick) Blick hoch zum Tagesziel, dem bereits eingeschneiten Sidelhorn. Erste Zweifel kamen auf, ob wir das schaffen. Gut, wir können ja jederzeit umkehren – soweit kam es nicht! Um halb Elf starteten wir ab Parkplatz auf der Oberaarstrasse in Richtung „Berg“-Station der Sidelhornbahn (welche vom Hotel Grimsel Hospiz über den Grimselsee zum Fuss des Sidelhorns schwebt). Kurz vor der Bahn verliessen wir die Strasse nach etwa 400 m (Markierung). Im Zickzack geht es gleich richtig zur Sache: der steile, nach Osten ausgerichtete Pfad zur etwa 230 m höher stehenden Husegghütte führte schneefrei über schöne Granitplatten – an einigen Stellen war Vorsicht geboten wegen vereister Stellen. Oberhalb der Husegghütte änderte die Situation schlagartig; die Wegmarkierungen lagen stellenweise unter Schnee; ab einer Höhe von ca. 2500 m dann eine geschlossene Schneedecke. Zum Glück waren Trittspuren zu erkennen. Der weitere Aufstieg (auf der Kantonsgrenze BE/VS) vorerst unproblematisch – immer die sagenhaft schöne Sicht zum Finsteraarhorn und über den Oberaargletscher zum Oberaarjoch (Erinnerungen an unsere Hochtour vom Juli 2011!). Etwa 150 Hm unterhalb des Gipfels, im Aufstieg über die Nordflanke, wurde es dann ziemlich anspruchsvoll: schattig (zum Glück!), durchgehend schneebedeckt (ca. 50 cm), aber einige gute und harte Trittspuren – was der Einsatz unserer Leichtsteigeisen, nicht aber der Stöcke, erübrigte. Doris führte souverän durch die Blocks, mit Händen und Füssen, langsam und sehr vorsichtig sicheren Tritt suchend – nur ja nicht ausrutschen jetzt! Was unter normalen Verhältnissen T3 entspricht, war heute deutlich anspruchsvoller (T4 bis T5). Welche „Erlösung“, Gipfelkreuz und Steinmann vor uns. Wir haben es geschafft und der Gipfel gehörte erst noch uns alleine – ein tolles Glücksgefühl.

Windstille, wolkenlos, 360°-Panorama der Extraklasse – wir Glückspilze genossen die Gipfelrast ausgiebig. Dann gesellten sich noch ein paar weitere Gipfelstürmer dazu, welche über die Südseite aufstiegen. Kurzer Austausch, dass es nach unserer Einschätzung zwar möglich aber nicht empfehlenswert sei, über die steile und verschneite Nordflanke abzusteigen.

Aufbruch zum Abstieg! Der oberste Teil (ca. 80 Hm über eine Strecke von nur 280 m bis zum Wegkreuz bei P.2688) hatte es dann nochmals in sich: über grosse Blocks galt es abzuklettern, ab und zu einigen mit Schnee ausgefüllten Löcher ausweichend. Wir waren erleichtert, jetzt gen Süden zu halten – voll in der Sonne und praktisch schneefrei. Auf einer Höhe von ca. 2550 m hielten wir ostwärts – über Wiesen und einige Schneefelder verlief der weitere Abstieg in Richtung Passhöhe eher gemächlich. Vorbei an den vielen kleinen Seelein auf der Oberwalder Grimsle erreichten wir Chrizegge. Hier blies uns plötzlich eine frische Brise ins Gesicht, was uns einen Gang höher schalten liess. Bald war der Totesee und der Ausgangspunkt erreicht. Nochmals der Blick zurück nach oben zu unserem Tagewerk. Ein toller, und unerwartet winterlicher Tourentag war das. Und das wichtigste zum Schluss: Ruedi’s operiertes Knie hat gehalten.

Bemerkung:
Diesen Bericht widmen wir auch ein wenig unserem havarierten und bedauernswerten Bergfreund Michael, dessen Sidelhorn-Tour vom Oktober 2011 uns die Idee lieferte.

Wetterverhältnisse:
Traumhaftes Herbstwetter, wolkenlos, sehr sonnig, Temperatur ca. 10°

Wegmarkierung:
weiss-rot-weiss

Hilfsmittel:
Stöcke, Grödel (Leichtsteigeisen, nicht eingesetzt)

Parameter:
Tour-Datum: 30. Oktober 2016
Schwierigkeit: T4 bis T5, I. Grad (bei schneelosen Verhältnissen T3)
Streckenlänge: 7.2 km
Strecke: Grimselpasshöhe (2165 m) – Husegghütte (2441 m) – P.2634 – P.2642 – Sidelhorn (2764 m) – P.2688 – Chrizegge (P. 2281) – Totesee (Grimselpass)
Aufstieg: ca. 628 m
Abstieg: ca. -626 m
Abschnittzeiten (ohne Pausen):
01:45 h Aufstieg
01:15 h Abstieg
Benötigte Zeit ohne Pausen: 3 Std.
Benötigte Zeit inkl Pausen: 5 Std.
Tageszeit: 10:30 bis 15:30 Uhr
GPS-Hardware: Garmin Montana 600, Topo Schweiz V.4

Kameras:
Nikon Coolpix P900 (Bridgekamera)
Sony DSC-HV90V

2 Gedanken zu „Sidelhorn 2764 m – ein winterlicher Aufstieg“

  1. Ein traumhafter Panorama-Gipfel im Grimselgebiet. Eigentlich ein nicht allzu schwerer Gipfel, wenn denn die Bedingungen stimmen !
    Herzliche Gratulation zum Gipfel, der von vielen Seiten doch recht unnahbar wirkt.

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