Bivio – Juf – Pass Lunghin – Piz Lunghin (2780 m) – Maloja in 2 Tagen

Diese grosse Zweitagestour hatten wir schon länger vor – jetzt sollte alles stimmen: ideales Wetter, schneefreie Route, ausreichende Kondition (auch wenn wir beide mit einer leichten Sommergrippe kämpften…). Weil die ÖV-Fahrt nach Bivio zu lange dauerte, reisten wir mit dem Auto an; in Bivio stand ein grosser Parkplatz zur Verfügung. Dort starteten wir fast schön gemütlich zu unserer Zweitagestour.

Tag 1: Bivio – Stallerberg – Juf (Avers)
Kurz nach zehn Uhr starteten wir in Bivio bei besten Bedingungen (ca. 14°, sehr sonnig, spürbare Bise mit Böen bis 30 km/h). Gleich in der Ortsmitte wurden wir von den Wanderwegweisern auf die gewünschte Strecke gewiesen in Richtung Juf über den Stallerberg (das ist kein Berg, sondern ein Übergang in den Avers). Erst führte der Wanderweg über satte Magerwiesen und durch Buschwerk. Ab Radons (etwa 1900 m.ü.M.) dann wunderbare Alpen mit friedlich weidenden Rindern. Baumfrei, und folglich bei uneingeschränkter Sicht, die Sonne und die Bise im Rücken, so haben wir es gerne… Regelmässig und gemütlich stiegen wir auf, unterwegs begegneten wir nur wenigen Wanderern. Zur linken ging der Blick auf Bivio und die Julierpassstrasse, und natürlich zum markanten Piz Julier und seinen Nachbarn. Das Skigebiet war andeutungsweise zu erkennen aufgrund der Anlagen. Auf Plang Tguils angekommen – eine moorige Hochebene mit einem hübschen Seelein – ; der richtige Ort für eine erste Trinkpause. Danach ging es weiter zum oberen Teil der Hochebene, wo der Stallerbach über ein Brücklein überquert wird. Jetzt wurde es etwas steiler und enger, entlang einer Moräne schlängelte sich der Pfad vorbei; schon bald müsste der Blick zum Übergang frei werden. Doch das zog sich hin: bis zum Pass waren es noch ca. 1.4 km und 130 m Aufstieg. Nach knapp drei Stunden standen wir beim mächtigen Steinmann und den Wegweisern auf dem Stallerberg. Nun änderte sich die Kulisse fast schlagartig: der weite Blick in den Avers, fast 500 m tiefer die Häuser von Juf. Hinter einem Felsbrocken nutzen wir die Windstille und die Zeit für eine ausgiebige Mittagsrast. Von hier könnte man auch in zwanzig Minuten zu den hundert m höher liegenden Flüeseen aufsteigen. Wir genossen die Pause und verzichteten – gut so, da kamen nämlich grade fünf(!) grosse Hunde mit zwei Frauen runter. Kam die Überlegung dazu, dass morgen eine happige Etappe vor uns lag. Für den Abstieg nach Juf hinunter benötigten wir eine Stunde – die Strecke ist steil und mit einigen grossen Tritten versehen. Im untersten Bereich dann über Weideland, in ausreichendem Abstande vorbei an aufmerksamen Mutterkühen. Juf, die in Europa höchstgelegene dauernd bewohnte Siedlung, hat immerhin zwei Beizen. Hier beschlossen wir unseren schönen und nicht sehr strengen Wandertag. Um drei Uhr bestiegen wir das Postauto, welches uns zwei Haltestellen weiterbrachte, bis nach Rufana, wo das Berghotel Bergalga steht – unsere Bleibe für eine Nacht. Vom kurz vor Juppa stehenden Haus hat man einen wunderbaren Blick ins Val Bergalga, zum 7.5 km weiter liegenden Bergalgapass (dem 2790 m hohen Übergang ins Bergell), und zu den markanten Dreitausendern Wissberg und Gletscherhorn. Vom Genuss dieses Panoramas von unserem Zimmerbalkon aus konnten wir nur schwer loslassen. Nach der wohltuenden Dusche und der kurzen Siesta das leckere Abendessen – zubereitet mit lokalen Bio-Produkten. Das Bergalga können wir sehr empfehlen.

Tag 2: Juf (Avers) – Forcellina – Septimerpass – Pass Lunghin – Piz Lunghin – Lägh dal Lunghin – Maloja
Nach einer erholsamen Nacht erwartete uns die ersehnte, lange und grossartige Tour. Direkt vor dem Hotel bestiegen wir um 07:47 das Postauto, um die 2.2 km lange Strecke bis Juf elegant zurück zu legen. Um acht Uhr dann der Start in einen eindrücklichen und abwechslungsreichen Bergwandertag. Die ersten 2 km noch im Schatten laufend, vorbei an Alpagada bis zum P.2185 (Bleis), verliefen flach. Jetzt galt es links zu halten, weissrotweiss markiert über P.2252 (Mutt), vorbei an weidenden Tieren. In Serpentinen waren über eine Strecke von 1.5 km ca. 400 Hm aufzusteigen. Bald erreichten uns die ersten Sonnenstrahlen. Hinter uns schnaubte eine Gruppe von BikerInnen (aus Lindau) hoch, die Maschinen geschultert(!). Die hatten vor, ab Septimerpass nach Casaccia ins Bergell runter zu fahren. Etwa 20 Hm unter der Fuorcla da la Valletta (über welchen Bivio zu erreichen wäre), hielten wir nach Süden und querten die etwa dreihundert Meter über uns stehenden Flühe. In diesem Bereich bot sich «unseren» Bikern die Gelegenheit, ihre Räder zu besteigen, und uns so gut es eben ging (😊) zu überholen. Nach einem kurzen Abstieg und Wiederaufstieg, vorbei an einem kleinen Seelein, aus dem der Planjentbach zur Juferalp abfliesst, war der Übergang Forcellina (2672 m) bald erreicht. Zur rechten der Piz Forcellina (2939 m), links der namenlose Gipfel P.2848, und vor uns eine famose Bergkulisse. In der Ferne das Berninamassiv mit dem Biancograt, in direkter Linie in ca. 4.7 km Distanz der höchste Punkt unseres Wandertags: der Piz Lunghin – ob wir das wohl schaffen? Voller Zuversicht, wie die mit uns zur «Abfahrt» startenden Biker und voller Motivation machten wir uns auf den Abstieg zum Pass dal Sett (2310 m). Auf diesem Abschnitt wurden wir verwöhnt mit einer reichen Fauna, aber auch mit Weitblicken bis in die Hochalpen und zu den Bergeller Gipfeln, vor allem zum beeindruckend schönen Pizzo Badile (3308 m). Auf dem Septimerpass angekommen, trafen wir auf ein paar Berggänger, welche von Bivio aufgestiegen sind. Wir überquerten die Bergstrasse um direkt in Richtung Pass Lunghin zu laufen (1 Std. laut Wegweiser). Den bekamen wir vorerst nicht ins Blickfeld, weshalb wir voller Spannung warteten, bis der Blick frei wurde. Hinter dem zu umrundenden Motta da Sett (2637 m) erblickten wir die oben liegende Restschneefläche und eine Markierungstange. Bei P.2476, nahe eines hübschen Seeleins hielten wir unsere Mittagsrast ab. Hier war es ziemlich windstill, was sich auf dem Pass wie erwartet änderte. Die restlichen knapp 200 Hm bis zum Pass legten wir anschliessend zügig zurück. Nun standen wir also auf dem Pass Lunghin, Europas einzige dreifache Wasserscheide. Der junge En/Inn fliesst ins Schwarze Meer, die Mera/Maira zur Adria, und die Gelga/Julia zum Rhein und in die Nordsee – sehr beeindruckend! Noch stärker beeindruckte uns der Blick zum hier nicht mehr so stark aufragenden Piz Lunghin (2780 m). Jetzt, wo wir schon mal hier waren, wollten wir uns diesen nicht entgehen lassen. Voll motiviert und mit schon 10 km Strecke in den Beinen machten wir uns auf in Richtung Grat – dort steht ein Kreuz bei etwa 2700 m, quasi der Westgipfel. Hier geht’s senkrecht runter, der Tiefblick nach Casaccia (1458 m) und gegenüber die mächtige Talsperre des Albigna Stausees. Fit wie wir waren, entschieden wir uns für den Gipfelaufstieg, ab hier definitiv weissblauweiss, alpin also. Schon bei der ersten Felsstufe galt es die Stöcke zu verstauen um die Hände freizuhaben. Doris meisterte die sehr hohen Tritte (Klettern I) ausgezeichnet, ich hintendran. Bis zum Gipfel dann noch weitere trickige Felsstufen, zwischendurch mal steile, rutschige, aber nicht ausgesetzte Spuren. Direkt unter dem Gipfel dann nochmals eine etwa drei Meter hohe Kletterstelle (II), und schon erblickte ich Doris mit dem nach oben gerichteten Daumen! Glücklich, es geschafft zu haben, gratulierten wir uns. Nach uns folgte noch ein jüngeres Pärchen, gerade rechtzeitig um von uns ein Gipfelfoti zu machen – danke!

Nach diesem (für uns grossartigen) Gipfelerfolg machten wir uns auf den Abstieg. Direkt unterhalb der Kletterstelle nutzten wir eine gut erkennbare Spur, welche über eine Geröllhalde zwar steil und rutschig, dafür aber direkt zum Lägh dal Lunghin hinunter führte. Langsame und kurze Schritte waren das Rezept, gut durchzukommen. Unterwegs Steine und Blocks in allen Farben. Den dreihundert Meter tiefer liegenden See erreichten wir in 35 Minuten. Zwischen grossen Blocks genossen wir nochmals eine längere Trinkpause. Der See glitzerte in allen Farben – ein wirklich tolles Schauspiel! Vor uns der (Normal-)Abstieg nach Maloja hinunter (1.75 Std. lt. Wegweiser). Im Abstieg ging der Blick immer wieder hoch zum aufragenden Piz Lunghin. Abgesehen von zwei steilen und über felsige Tritte verlaufenden Abschnitten führte der Weg nach Maloja hinunter über schöne Alpen, immer aussichtsreich (siehe Bilder). Bei P.1945 (Plan di Zoch) bestünde die Möglichkeit nach Blaunca und Grevasalvas zu wandern. Wir stiegen weiter ab durch eine schluchtartige Steilstufe, bis wir kurz vor Pila (P.1835) den Lauf der En erreichten. Jetzt ging es rasch und schon war die Hauptstrasse eingangs Maloja erreicht. Ein kurzer Aufstieg zu unserem lauschig gelegenen B&B «Villa La Rosée», ein herrlicher Ort. Mittlerweile war es 17:30 Uhr, also nutzten wir die Zeit bis zum Abendessen im Dorf für eine erfrischende Dusche. Nach fast neun Stunden Wanderzeit verspürten wir zu unserem eigenen Erstaunen keinerlei Beschwerden – die nötige Bettschwere hatten wir allerdings schon – nicht zuletzt auch des leckeren Essens wegen im Schweizerhaus (u.a. vorzügliche Pizokels, Capuns, Ossobucco, und natürlich ein Glas vom Guten…). Nach der wiederum sehr erholsamen Nacht in diesem alten Chalet (wir fühlten uns richtig willkommen und verwöhnt!) genossen wir ein wunderbares Frühstücksbuffet und die anschliessende Besichtigungsrunde durch das historische Haus. Danke schön, wir kommen gerne mal wieder!

Zum Abschluss dann eine herrliche Fahrt mit dem Postauto bis St. Moritz, von dort mit der Unesco Welterbe-Bahn nach Tiefencastel, und von dort wieder mit dem Postauto nach Bivio…

Wetterverhältnisse:
An beiden Tagen sehr sonnig mit freundlicher Schönwetter-Bewölkung, 10 bis 24°, nicht störende Bise mit Böen bis 30 km/h.

Hilfsmittel:
Sonnencrème (wichtig!), Stöcke, Kartenmaterial, GPS-Maschine

Parameter:
Tour-Datum: 08./09. Juli 2018
Schwierigkeiten: 1. Tag T3, 2. Tag T4 (Piz Lunghin, Gipfelaufstieg ohne Eisen und Fixseile, Kletterstellen I-II)
Strecke: 26.3 km, 1. Tag (9.5 km) Bivio (1769 m) – Stallerberg (2578 m) – Juf (2117 m); 2. Tag (16.8 km) Juf – Fuorcla da la Valletta (P.2566) – Forcellina (2672 m) – Septimerpass (2310 m) – Pass Lunghin (2645 m) – Piz Lunghin (2780 m) – Lägh dal Lunghin (2484 m) – Maloja (1801 m)
Aufstieg: 1. Tag ca. 813 m, 2. Tag 1286 m, total ca. 2099 m
Abstieg: 1. Tag ca. -461 m, 2. Tag ca. -1574 m, total ca. -2035 m
Laufzeit ohne Pausen: 1. Tag ca. 3 Std. 15 Min., 2. Tag ca. 6 Std., total ca. 9 Std. 15 Min.
Laufzeit mit Pausen: 1. Tag ca. 4 Std. 25 Min., 2. Tag ca. 8 Std. 50 Min., total ca. 12 Std. 15 Min.

Kamera:
Sony DSC-HX90V

4 Gedanken zu „Bivio – Juf – Pass Lunghin – Piz Lunghin (2780 m) – Maloja in 2 Tagen“

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