Archiv der Kategorie: Alpine Bergwanderung T4-T6

Monte Generoso 1703 m, Überschreitung ab Scudellate (Valle di Muggio)

Wieder einmal eine Wanderung auf den Migros-Publikumsberg, den wir letztmals im April 2017 bestiegen haben. Diesmal war der Ausgangspunkt der Besteigung das Bergdorf Scudellate zuhinterst im Valle di Muggio, wo gerade mal fünfzehn Menschen leben. Nach der Anreise am Vortag genossen wir, nicht zum ersten und auch nicht zu letzten Mal, einen gemütlichen Abend in der formidablen Osteria Manciana, wo wir auch eine aussichtsreiche Loge für drei Nächte bezogen. Hier verwirklichen die einheimischen Gastgeber Oskar und Simona Piffaretti ihr einzigartiges Projekt eines Albergo Diffuso. Wir wünschen gutes Gelingen!

Nach dem reichhaltigen Frühstück starteten wir bei besten Bedingungen; der Einstieg auf die Via Vecchia Mulattiera liegt nördlich der obersten Häuser. Nach einem kurzen Anstieg erreichten wir den von der Kapelle S. Antonio herführenden Pfad, ein erstes Mal öffnete sich der Blick zum italienischen Dörfchen Erbonne hinunter, wo wir unsere Runde später abschliessen werden. Doch vorerst folgte die Richtungsänderung nach W, immer schön steil hinauf durch lichten Buchenwald. Nach etwa 1.4 km erreichten wir die teilweise verfallene Alpe di Sella, welche offensichtlich wiederhergestellt wird. Mittlerweile auf etwa 1200 m.ü.M., genossen wir die sonnige Lage im Steilhang – und mit uns eine Gams, welche uns aufmerksam beobachtend immer näherkommen lässt. Das schöne Tier hatte nur ein Hörnchen; schliesslich wich es aus über die wenige Meter weiter verlaufende Staatsgrenze CH/I. Wir stiegen nun auf dem direkt auf der Landesgrenze verlaufenden wenig ausgeprägten Grat auf, um unterhalb des Grenzsteins Nr. 26 den Wald zu verlassen und zur Piana zu queren. Beim Alpgebäude angekommen, wählten wir nicht den direkten Weg zur Bahnstation, sondern stiegen zurück zur nördlich gelegenen Landesgrenze und aufsteilend zum Gipfel Mottone della Piana. Hier oben bot sich ein guter Überblick, der hundert Meter höherstehende Monte Generoso, das Gelände mit der Bahnstation und Mottas Fiore di Pietra, zur Rechten die kleinen, abschüssigen Tälchen (Valle di Erbonne, Valle Squadrina) mit den oberhalb verlaufenden Abstiegsrouten zur Alpe di Orimento (I). Beim Grenzstein Nr. 25 steht ein Holzbär, der an die nahe gelegene Bärenhöhle erinnert. Die Höhle kann über die ausgeschilderten Wanderwege von der Alpe di Orimento (italienische Seite) und von der Vetta del Monte Generoso (Schweizer Seite) aus erreicht werden. Man stelle sich vor, dass der Monte Generoso vor langer Zeit einmal von Höhlenbären bewohnt war. Die Bären starben im Laufe der Zeit aus und ihre Überreste wurden einige hundert Meter vom Gipfel entfernt auf der italienischen Seite gefunden. Nachdem wir bis hierhin einsam unterwegs waren, begegneten uns nun mit Wanderklamotten und/oder Bikes bewehrte Bergliebhaber. Selbstverständlich besuchten wir das Restaurant in der Steinblume des im Jahre 2017 fertiggestellten Gebäudes, welches sich majestätisch gegen den Himmel erhebt – Fiore di Pietra nennt Mario Botta sein architektonisches Meisterwerk. Nach dem Tee folgten die hundert Höhenmeter Aufstieg zum Gipfel. Das 360°-Panorama ist immer wieder einzigartig, auch wenn die Walliser und Berner Viertausender in Wolken verhüllt waren. Verständlich, dass sich hier manchmal viel Volk versammelt. Im Titel unseres Berichts steht das Wort «Überschreitung», was bedeutet, dass wir vom Gipfel über den fixseil-gesicherten Klettersteig abkletterten (I nach UIAA-Skala). Dieser Abstieg war dann doch etwas trickreich, vor allem für Doris, welche in den sehr hohen Tritten eine leichte Zerrung am Oberschenkel erlitt. Nach dem kurzen Abstieg war der Normalweg bald erreicht und wir umrundeten den Baraghetto mit seiner Via ferrata Angelino östlich. Auf der Sella Piancaccia angelangt – hier kamen wir damals hoch von Rovio – wanderten wir für heute endgültig nach Italien aus. Wunderbar aussichtsreich, immer nahe der Krete und entlang dem Waldrand laufend, gerieten wir oberhalb der Alpe Pesciò in einen sehr steilen und der Feuchte wegen ziemlich schmierig-rutschigen Abschnitt, eine Spur war kaum auszumachen, Markierungen fehlten auch. Auf knapp 1300 m.ü.M. angekommen, führte ein Brücklein über das ausgetrocknete Bachbett der Breggia, um danach über wunderschönes Gelände die Alpe di Orimento zu erreichen. Hier wird gerade renoviert, und das Restaurant (La Baita di Orimento) war geschlossen. Egal, wir hatten ohnehin keinen Bedarf. Also liefen wir weiter, dreieinhalb Kilometer und 330 Höhenmeter Abstieg bis nach Erbonne. Anfänglich auf gepflegtem Weg, führte der Pfad im Buchenwald streckenweise über hohe plattige Tritte, welche unter dem vielen Laub recht tückisch waren. Dennoch erreichten wir das museale Dörfchen Erbonne wohlbehalten, ohne diesmal die famose Osteria del Valico zu besuchen. Seit bald sieben Stunden auf den Füssen, zog es uns nach Scudellate, wo wir uns zum Abschluss in der Osteria ein Apèroplättli gönnten.

Fazit:
Eine wiederum abwechslungsreiche Bergwanderung, streckenweise recht anspruchsvoll, und schliesslich haben sich beinahe tausend Höhenmeter angesammelt…

Wetterverhältnisse:
Sonnig, leichte Bewölkung im Tagesverlauf, Temperaturen ca. -4 bis 5° C, teilweise starker Wind (bis 25 km/h NO), am Nachmittag zunehmend

Hilfsmittel:
Wanderschuhe, Wanderstöcke, Kartenmaterial SchweizMobil, GPS

Parameter:
Tour-Datum: 5. April 2023
Schwierigkeit: T3-4, I (leichter Klettersteig im Nord-Abstieg vom Gipfelbereich)
Strecke: 11.4 km, Scudellate (907 m) – Via Vecchia Mulattiera – Alpe di Sella (1191 m) – Staatsgrenze CH/I (1224 m) – Piana (1406 m) – P.1476 (Grenzstein Nr. 26) – P.1591 (Grenzstein Nr. 25) – Mottone della Piana (1590 m) – Monte Generoso Vetta (1601 m) – Monte Generoso (1701 m) – Klettersteig, Abstieg P.1647 – Sella Piancaccia (1599 m) – P.1489 – Brücke über die Breggia (ca. 1260 m) – Alpe di Orimento (1275 m) – Valle Breggia – Erbonne (943 m) – Holzbrücke über die Breggia (Staatsgrenze CH/I 910 m) – Cappella di S. Antonio (925 m) – Scudellate
Aufstieg: ca. 970 m
Abstieg: ca. -970 m
Laufzeit mit Pausen: total ca. 7 Std. 30 Min.
Laufzeit ohne Pausen: total ca. 4 Std. 50 Min.
Tageszeit: 09:45 bis 17:15 Uhr

Piz Cotschen (3026 m) zum Sonnenaufgang

So viel steht fest: den heutigen Bergtag werden wir nie vergessen! Sonnenaufgang auf über dreitausend Metern! Zum dritten Mal in dieser Woche nutzten wir das Angebot der Gäste-Information Val Müstair; für einen bescheidenen Beitrag von Fr. 50 (für Inhaber der Gästekarte) durften wir unter Führung von Chantal Lörtscher wieder einen prächtigen Tag in der Hochgebirgswelt am Passo dello Stelvio erleben. Um zwanzig nach zwei Uhr aus den Federn, Treffunkt um 03:05 Uhr in Sta. Maria Val Müstair, dann die Fahrt über den Umbrailpass hoch zum Stilserjoch. Bereits auf der Fahrt eine tolle Begegnung: ein Fuchs spazierte auf der Passstrasse – mit seiner Beute, einem Mungg, im Maul. Er schaute ohne auszuweichen in die Scheinwerfer, so als wollte er sagen: «passt auf, die Beute gehört mir, und ich gebe sie nicht her!» Start auf dem Passo dello Stelvio um 03:45 Uhr, im Licht unserer Stirnlampen. Der erste, allerdings steile Aufstieg zum Rifugio Garibaldi ist problemlos zu machen. Das massige Steinhaus steht wenige Zentimeter neben der Grenze CH/I, auf italienischem Boden. Danach verläuft die Strecke vorerst über einen Kilometer relativ flach. Am Breitkamm (Cresta Larga) wählten wir die auf CH-Boden (westlich des Kamms) verlaufende Wegspur. Ab P.2844 ist der Aufstieg zur Sella da Piz Cotschen nichts für schwache Nerven: Dunkelheit, steile und hohe Felsstufen, ausgesetzte Abgründe, der Einsatz der Hände ist zwingend, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Voraussetzung. Auf dem Sella angekommen, wurde das Licht heller, der benachbarte Ortler schon deutlich zu erkennen, auch die Lichter der Stirnlampen der Berggänger, welche von der Julius Payer Hütte loszogen. Bereits jetzt liess sich definitiv sagen: das Wetterglück war auf unserer Seite! Auf der Sella da Piz Cotschen machten wir Pause, in der Erwartung, dass uns die Wartezeit vor dem Gipfelaufstieg vor den dort oben herrschenden Winden verschone; und  immerhin war es ziemlich kühl, um 0°. Die Stirnlampen wurden jetzt nicht mehr benötigt. Um fünf Uhr machten wir uns auf den Weg zum Gipfel – für die einhundert Aufstiegsmeter sollten 20 bis 30 Minuten genügen. Bis unter den Gipfelaufbau war der Aufstieg unschwierig, lediglich die paar Meter zum westlich gelegenen Hauptgipfel verlangten den Einsatz der Hände und etwas Konzentration. Und tatsächlich: um 05:28 standen wir auf dem Piz Cotschen (auch Rötlspitze genannt). Und sofort ging der Blick nach Osten, wo sich das Firmament bereits orangerot einfärbte. Die Sonne sollte um 05:37 Uhr aufgehen, und zwar rechts des spitzen Gipfels Hintere Schwärze/Cime Nere (3624 m.ü.M., Luftlinie 43.3 km, Ötztaler Alpen). Während wir gespannt warteten, braute sich westwärts in einer Entfernung von vielleicht 25 km eine gewaltige Ladung zusammen (siehe Bild). Zu weit weg, um uns zu beeindrucken. Und erstaunlicherweise war es windstill. Im Osten das gewaltige Schauspiel vor unseren Augen, stimmungsvoller kann ein Sonnenaufgang nicht sein. Dieses Licht, das die Wolken durchdringt, die Sonne in minutenschnelle immer höher aufsteigend, im Westen das Berninamassiv und der Piz Palü im ersten Tageslicht – einfach unbeschreiblich! Nach 35 Minuten Gipfelaufenthalt machten wir uns auf den Abstieg. Unterhalb des Gipfelaufbaus zeigte uns Chantal den Zugang zur Gipfelscharte mit dem eindrücklichen Klemmblock, und der Durchsicht zum Sommerskigebiet des Stelvio. Zurück auf der Sella da Piz Cotschen, stiegen wir ziemlich steil durch die Geröllhalde ins Val Costainas ab – wegen des Schattenwurfs der nahen und hohen Grenzberge CH/I halt bald wieder im kühlen Schatten. Erst als das Tal nach NW verlief, hatte uns die Sonne wieder, und augenblicklich war es gefühlte 10 bis 15 Grad wärmer… Das eigenartig blauweiss gefärbte Wasser der Aua da Prasüra ist übrigens Gegenstand eines Forschungsprojekts: seit dem Jahr 2000 findet man im Bachbett weiss eingefärbte Steine. Dieses Phänomen wurde bereits an einigen hoch gelegenen Gebirgsbächen in den Ostalpen beobachtet. Die Farbe stammt von Flocken aus Aluminiumsulfat, die sich auf den Steinen ablagern. Die Bildung der Flocken ist auf die Produktion von Schwefelsäure in Permafrost-Gebieten zurückzuführen. Deshalb besteht die Möglichkeit, dass sich die Wasserqualität der betroffenen Gebirgsbäche in Zukunft aufgrund der Klimaerwärmung verschlechtern wird. Die Untersuchung des Aua da Prasüra im Val Costainas und zusätzliche Laborexperimente sollen helfen, die künftige Entwicklung besser abschätzen zu können. Unterwegs sind uns vier Forscher an der Arbeit begegnet. Pünktlich um neun Uhr trafen wir auf der Alp Prasüra ein: der Tisch zum Älplerfrühstück war bereits hübsch gedeckt. Auf der aussichtsreichen Alp Prasüra werden ca. 55 Milchkühe aus dem Tal gesömmert. Aus der naturbelassenen Alpmilch wird in traditioneller Handarbeit feinster Alpkäse und vorzügliche Alpbutter produziert. Als eine von wenigen Alpen in Graubünden wird hier noch jeder Käse per Handauszug einzeln ausgezogen und in einer traditionellen Holzform gepresst. Somit ist jeder Käse ein Unikat. Käserin Aita und Senn Bernhard zeigten uns bereitwillig ihr traditionelles Handwerk. Am reich gedeckten Tisch liessen wir es uns gut gehen, anderthalb Stunden lang(!). Herzlichen Dank den beiden für die Gastfreundschaft! Mit etwas Wehmut verabschiedeten wir uns von der herrlich gelegenen Alp und derer Tiere (nebst Kühen leben hier auch Schweine, Hühner samt Güggel, Hunde – ein Paradies!) Der etwa 45 Minuten dauernde Abstieg über die Alpstrasse führte uns nordöstlich der schönen (weissblau gefärbten) Wasserfälle vorbei, bis zur Alp Marangun da la Prasüra. Dort verliessen wir die Strasse, um auf einem Pfad weiter abzusteigen – bis zur an der Umbrailpassstrasse stehenden Blockhütte. Unterwegs bekamen wir jede Menge Botanik zu sehen und von Chantal fachkundig erklärt. Bei dieser Gelegenheit «erntete» Doris Samen und Würzelchen von Hauswurz – mal sehen, was zuhause aus ihnen wird… Ab Haltestelle Blockhütte kamen wir in den Genuss einer kurzen Talfahrt nach Sta. Maria hinunter.

Fazit:
Ein Sonnenaufgang auf einem Dreitausender zu erleben, das war eine Premiere. Dir Chantal gebührt unser herzliches Dankeschön für diesen tollen und erinnerungsreichen Tag!

Wetterverhältnisse:
Hochsommerlich schönes Wetter, leichte Bewölkung, gute Fernsicht, Sonnenaufgang mit stimmungsvoller Bewölkung wie man es sich wünscht, Temperatur um 0 bis +10° C, Wind ca. 10 bis 30 km/h aus NNW

Ausrüstung:
Wanderausrüstung, Handschuhe, Stöcke, Stirnlampe, Kartenmaterial Swisstopo, GPS

Parameter:
Tourdatum: 7. Juli 2022
Schwierigkeit: T3-T4
Strecke: 10.8 km, Parkplatz Passo dello Stelvio (2758 m) – Dreisprachenspitze/Cima Garibaldi (2843 m) – Breitkamm P.2844 – Sella da Piz Cotschen (2925 m) – Piz Cotschen/Rötlspitz (3025 m) – Sella da Piz Cotschen – Aua da Prasüra (2305 m) – Alp Prasüra (2210 m) – Marangun da la Prasüra (1997 m) – Blockhaus Passstrasse Umbrail (1870 m) Aufstieg: ca. 360 m
Abstieg: ca. -1240 m
Benötigte Zeit inkl. Pausen: 8 Std. 30 Min.
Benötigte Zeit ohne Pausen: 5 Std. 50 Min.
Tageszeit: 07:35 bis 15:40 Uhr

Monte Scorluzzo (3094 m) – militärhistorische Bergwanderung

Der heutige Mittwoch versprach ein eindrückliches Abenteuer: eine geführte Wanderung auf den Spuren der Gebirgssoldaten des Ersten Weltkrieges. Wichtig zu wissen: bis zum Jahre 1918 verlief die Grenze zwischen dem Königreich Italien und der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn quer zur Passhöhe des Stilfserjochs. Eine Grenze in Fels und Eis, um welche während der Kriegsjahre 1915-1918 erbittert gekämpft wurde. Im Zentrum der Gefechte stand immer wieder die gleiche, den Passübergang des Stilfserjochs dominierende Anhöhe – der Monte Scorluzzo.

Heute nutzten wir das Angebot der Gäste-Information Val Müstair; für preiswerte Fr. 40 (für Inhaber der Gästekarte) durften wir unter Führung von Chantal Lörtscher einen prächtigen Tag in der Hochgebirgswelt am Passo dello Stelvio erleben. Um halb acht starteten wir, in spontaner Begleitung von Doris und René, auf dem Stilfser Joch bei der Talstation der Luftseilbahn. Wir verliessen die unansehnlichen, mehrheitlich sanierungsbedürftigen Bauten in Richtung Süden. Bereits nach einigen Metern Aufstieg auf der staubigen Piste in Richtung Passo delle Platigliole besuchten wir eine erste Kaverne, die Batterie «Ferdinandstellung» (mit Holz verkleidete Mündung der mittleren Geschützkaverne; zum Einsatz kamen einfache Gebirgskanonen vom Kaliber 7.5 cm, nicht eigentlich konzipierte Festungsgeschütze), zwar noch begehbar, teilweise aber einsturzgefährdet. Etwas mehr als hundert Höhenmeter weiter, auf dem Passo delle Platigliole, zeigte sich die wirkliche Bedeutung des Monte Scorluzzo für die damals (im 1. Weltkrieg) kriegstaktisch relevanten Überlegungen. Auf dem Pass hielten wir rechts auf den Trampelpfad, der uns erst zum Piccolo Scorluzzo führte, den wir nach zwanzig Minuten Aufstieg erreichten. Im Aufstieg verliessen wir nach der ersten Höhenstufe den offiziellen rot-weiss-markierten Wanderweg und hielten rechts, um nur wenige Meter später ein auffallendes Plateau zu erreichen. Dabei überschreiten wir erstmals ein quer zur Auffangstellung auf dem Passo delle Platigliole verlaufendes Grabensystem und stiessen auf Einschlagkrater, welche den Beschuss italienischer Artillerie bezeugen. Vom Piccolo Scorluzzo aus beobachteten wir ein Rudel Steinböcke, welche sich direkt am Aufstiegspfad zum Monte Scorluzzo tummelten. Unsere Hoffnung, dass sich die Tiere noch eine Weile dort aufhielten, zerschlug sich, weil das Rudel von zwei vor uns aufsteigenden Berggängern verscheucht wurde. Der steile Aufstieg zum Scorluzzo selbst dauerte weitere zwanzig Minuten. Insgesamt also ein kurzer Aufstieg mit einer Höhendifferenz von etwa 320 m. Auf dem Gipfel ein Panorama vom Feinsten: der Ortler im Südosten, der Tiefblick zum Stilfserjoch hinunter, dahinter der Piz Cotschen (dort werden wir morgen den Sonnenaufgang erleben!), im Norden der Umbrailpass, im Westen die spektakuläre Passstrasse ins Val Braulio und nach Bormio hinunter. Der weitere Verlauf unserer alpinen Tour war voll einzusehen: der Filone del Mot. Doch vorerst führte uns Chantal zum fünfzig Meter nordseitig gelegenen militärhistorischen Gipfelstützpunkt. Die Begehung war eindrücklich und zeigte, unter welch widrigen Umständen die Soldaten auf 3000 m.ü.M.(!) ausharren mussten. Zurück am Gipfel, machten wir uns auf den Abstieg. Dieser hatte es in sich: steil, exponiert, teilweise fixseil-gesichert, Stöcke nicht im Einsatz, dafür die Hände… Zweihundert Höhenmeter weiter unten erreichten wir den Grat (Filone del Mot). Im Abstieg fanden wir sogar (scharfe) Munition am Boden herumliegend. Auf den nächsten zwei Kilometern bewegten wir uns zwischen ehemaligen österreichischen Flankenstellungen und dem Übergang zur «Terra di nessuno» (Niemandsland). Chantal’s Erklärungen waren spannend und beeindruckend. Unterwegs könnte die Stimmung leicht kippen (der sinnlosen kriegerischen Ereignisse wegen), wäre da nicht auch der Blick zu den umliegenden vergletscherten Bergen und zum Sommerskigebiet des Stilfserjochs. Ein Genuss war auch die alpine Flora und die oft in der Nähe ruhenden Steinbockrudel, und sensationell: der Besuch zweier nahe und tief vorbei fliegender Bartgeier. Über die italienische Flankenstellungen und Laufgraben erreichten wir den Stützpunkt am Filone del Mot und bald darauf die Ruinen des auf 2760 m.ü.M. liegenden Alpinidörfchens, welches gerne auch «Machu Picchu» genannt wird. Unglaublich eindrücklich und strategisch exzellent gelegen. Hier liess es sich vorzüglich rasten, also hielten wir es fast eine Stunde aus. Unter uns tummelten sich drei Steinböcke, die sich unbeobachtet wähnten – herrlich! Anschliessend machten wir uns auf den Abstieg zum hundertfünfzig Meter tieferliegenden Piano di Scorluzzo, vorbei an den vier kleinen Laghi di Scorluzzo. Vom Motorenlärm der nahen Passstrasse unbeeindruckt umwanderten wir den Gipfelausläufer Rese di Scorluzzo nördlich, vorbei an weiteren Stellungen. Quasi um die Nordecke herum wollten wir den Laghetto Alto erreichen. Doch vorher überraschte uns die breite hochalpine Militär-«Strasse», welche durch einen längeren Tunnel führte. Der Tunnel führte uns in die, im Jahre 2012 sanierten, unterirdischen Geschützkammern. Die damals dort positionierten Kanonen waren sowohl offensiven als auch defensiven Charakters. Die Ausrichtung der nördlichen Kavernen deckten ein Schussfeld des Vorgeländes des Stilfserjochs und der Grenze zur Schweiz ab – erstaunlich! Nach diesem letzten Abschnitt des Kriegschauplatzes am Monte Scorluzzo erreichten wir den reizend gelegenen Bergsee Laghetto Alto. Jetzt wanderten wir nahe der Passstrasse mehr oder weniger weglos zur Passhöhe hinauf. Nach acht Stunden Wanderzeit endete eine eindrückliche Themen-Wanderung im hochalpinen Grenzgebiet Stelvio-Umbrail.

Weitere Informationen zum damaligen Kriegsgeschehen im Gebiet Stelvio-Umbrail finden Interessenten auf dieser Website:
https://stelvio-umbrail.ch/vsuhp/wanderwegnetz-scorluzzo/

Eine ergänzende Bemerkung noch: die von den Österreichern gebauten Stellung machten einen maroden Eindruck und sind am Verfallen; die Italiener bewiesen schon damals ihre Trockensteinmauer-Baukünste; die Mauern sind für die Ewigkeit gebaut.

Fazit:
Eine äusserst geschichtsträchtige und landschaftlich unvergessliche Runde. Ein herzliches Dankeschön dir Chantal für die sehr fachkundige und engagierte Führung!

Wetterverhältnisse:
Hochsommerlich schönes Wetter, leichte Bewölkung, gute Fernsicht, Temperatur um +10 bis +15° C, Wind ca. 6 km/h aus S

Ausrüstung:
Wanderausrüstung, Stöcke, Kartenmaterial Swisstopo, GPS

Parameter:
Tourdatum: 6. Juli 2022
Schwierigkeit: T3-T4
Strecke: 10.8 km, Parkplatz Passo dello Stelvio (2758 m) – Passo delle Platigliole (2908 m) – Piccolo Scorluzzo (2985 m) – Monte Scorluzzo (3094 m) – Filone del Mot (2899 m) – «Machu Picchu», das Alpinidörfchen am Filone (2760 m) – Piano di Scorluzzo – Laghetto Alto (2603 m) – Passo dello Stelvio
Aufstieg: ca. 767 m
Abstieg: ca. -757 m
Benötigte Zeit inkl. Pausen: 8 Std.
Benötigte Zeit ohne Pausen: 4 Std. 45 Min.
Tageszeit: 07:35 bis 15:40 Uhr

Fläscherberg – Regitzer Spitz 1135 m über die Leitern

Die Tour machten wir nicht zum ersten- auch nicht zum letzten Mal. Wieder einmal unterwegs mit Susanne und Richi – gestern Abend der Spaziergang von Maienfeld (wo wir übernachteten) nach Fläsch, mit anschliessenden Gourmetabend im Landhaus, dessen Wirtsleute Theresa und Ignaz nach 25 Jahren demnächst in den längst verdienten Ruhestand treten.

Ein herzliches Dankeschön euch beiden für die jahrelange Gast-Freundschaft!

Richis Anregung, den Regitzer Spitz über die Leitern zu besteigen, nahmen wir dankbar auf, zumal Susanne die Tour noch nicht kannte. Um zehn Uhr starteten wir vom Parkplatz am südlichen Dorfrand im gemütlichen Spaziergang durch das schöne Weindorf Fläsch. Die Strecke unmittelbar unterhalb Ober Wingert – Unter Wingert – Badguet – Rheinau, ca. 2.5 km, war trotz geteerter Unterlage vergnügliches Einlaufen. Der alternative Aufstieg ab Unter Wingert durch den Neuwald hoch zum Lidisgang kam nicht infrage; wir wollten über das wilde Mozentobel und später über die beiden Leitern aufsteigen. Die alten Bäume und Sträucher in der Rheinau – begeistern zu jeder Jahreszeit. Bei P.490 liefen wir an der 1940 errichteten Festung Tschingel vorbei. Diese unterirdische Verteidigungsanlage in der Felswand des Fläscherbergs ist die grösste Artilleriefestung im Kanton Graubünden und bildete damals den östlichsten Eckpfeiler der Festung Sargans. Sie war Teil der Sperrstelle Ellhorn und gehörte zur Festungsbrigade 13. Etwa dreihundert Meter später wurden wir weiss-rot markiert rechts gewiesen (Richtung Mozentobel, Elltal), mit dem Warnschild «Steinschlag». Nach 120 Aufstiegsmetern erreichten wir das enge und beeindruckende Mozentobel. Dieses war heute gut zu queren – verweilen wäre aber trotzdem keine gute Idee, da hier laufend Material rutscht. Einige Meter oberhalb dann der Blick hinunter auf die nicht ganz harmlose Tobelquerung und zum darüber aufragenden Ellstein. Ein paar Kehren Aufstieg, und schon war das saftiggrüne Elltal (P.669) erreicht. Nicht wie auch schon, verzichteten wir auf die Direttissima über die sehr steile Grashalde bis hinauf zur Felswand, über welcher die Lida liegt. Wir nahmen den kurzen «Umweg» in Richtung Nord durch das Elltal um den von Balzers FL herkommenden Wanderweg zu erreichen. Der im Wald verlaufende Pfad, der direkt unter der Felswand der Lida quert, war gut zu begehen.  Dort, wo ein vom Neuwald heraufführender Aufstiegspfad erreicht wird, wurden wir auf den Leiterliweg gewiesen. Steil und felsig, und heute von umgestürzten, richtig fetten Bäumen, versperrt, galt es diese zu überwinden. Bald erreichten wir die bekannte prähistorische Festungsanlage – auf eine Besichtigung verzichteten wir heute. Einige Schritte weiter dann die erste von zwei am Fels senkrecht hoch führenden Leitern, welche über eine fixseilgesicherte Querung erreicht wurde (laut SAC-Führer T4) – bei so staubtrockenen Verhältnissen unproblematisch. Nach einigen etwas ausgesetzten Felstritten, welche Schwindelfreiheit erforderten, folgte die Nische mit dem in einer Gamelle verstauten Wandbuch. Nach dem Ausstieg eine weitere Querung mit seil-gesicherten Tritten und dann der Einstieg in die zweite, etwas kürzere Leiter. Dieser kurze, knackige Klettersteig gefällt uns immer wieder; dank ihm wird die ca. 50 m hohe Felsmauer überwunden. Beim Ausstieg auf Lida fällt die sehr schräg und am Abgrund stehende Stütze der Starkstromleitung auf, und erst dann geht der Blick hinüber zum Guschaspitz und zum Regitzer Spitz. Die saftiggründe Wiese überquerend, erreichten wir ostseitig den Lidisgang, wo der eingangs erwähnte Aufstieg vom Neuwald mündet. Diesmal strebten wir nicht den weglosen und steilen Direktaufstieg zum Guschaspitz entlang der Felskante an. Stattdessen nutzten wir eine gute, aber auch steile Aufstiegsspur, auf welcher der (verbunkerte) Guschaspitz nordöstlich umrundet wird. Nach der Umrundung erreichten wir die Felskante, verbunden mit spektakulären Tiefblicken auf die ca. 600 m darunter liegende Rhein- und Weinlandschaft der Bündner Herrschaft, im Rücken das Massiv des Falknis und dessen Nachbargipfeln und darunter die alte Festungsanlage und die Kaserne Luzisteig. Nun folgte ein kurzer, steiler Abstieg – immer schön der Kante entlang – und dann der heftige, kurze Wiederaufstieg zum Regitzer Spitz. Wie erwartet, waren wir nicht die Einzigen; Biker und Wanderer erfreuten sich über den wunderschönen und einmaligen Aus- und Tiefblick. Nach einer etwas längeren Pause folgte der Abstieg, anfänglich über steile Kehren und später über einen gerölligen Fahrweg, welcher der Versorgung der vielen militärischen Anlagen der Festungsanlage St. Luzisteig dient. Auf der Alp Vorder Ochsenberg führte die Spur vorbei an friedlich weidenden Tieren. Nach dem links stehenden Zahn namens Schnielskopf mit seiner markanten Abbruchstelle erreichten wir am Schänzli die Einstiegsstelle zum weiss-rot markierten und teilweise steilen Bergweg durch das Türlis-Tobel hinunter nach Fläsch (ca. 340 Hm). Der nach einem Felssturz neu angelegte Abstiegsweg weicht dem Felssturzgebiet nun streckenweise aus. Zur Erinnerung: am 15. Oktober 2013 donnerten ca. 100 Kubikmeter Fels vom Schnielskopf herunter. Die Gesteinsmassen schlugen eine Schneise von rund 80 Metern und rissen viele Bäume mit. Der damals durch das Absturzgebiet führende Wanderweg wurde zerstört und gesperrt. Auch für die neue Wegführung gilt die Warnung vor Steinschlag! In einigen Kurven stehen Bänkli an besonders aussichtsreichen Stellen. Fläsch erreichten wir am nördlichen (oberen) Dorfrand. Nicht mehr weit bis zum Parkplatz – doch vorher gibt’s eine ausgiebige Einkehr im Landhaus, wo wir von Theresa und Ignaz bewirtet, einen würdigen kulinarischen Abschluss unseres gemeinsamen Tourentages erlebten.

Fazit:
Ein genussvolles Wochenende mit Gourmet-Samstag und Wandersonntag mit Susanne und Richi – schön war’s!

Wetterverhältnisse:
Ein toller Schönwettertag bei guter Fernsicht, kaum Wind (6 km/h WSW), ca. 20 bis 27° C

Ausrüstung:
Wanderausrüstung, Wanderstöcke, Kartenmaterial Swisstopo, GPS

Parameter:
Tourdatum: 15. Mai 2022
Schwierigkeit: T3 (Leiterli T4)
Strecke: 12.1 km, Fläsch (Parkplatz am südlichen Ortsrand, 526 m) – Ortszentrum – Ober Wingert – Unter Wingert (492 m) – Badguet (491 m) – Rheinau – Mozentobel – Elltal (669 m) – P.715 – Leiterli – Lida (917 m) – Guschaspitz (1104 m) – Regitzer Spitz (1136 m) – Vorder Ochsenberg – Schänzli – Schlipf – Türlistobel – Fläsch (526 m)
Aufstieg: ca. 730 m
Abstieg: ca. -700 m
Benötigte Zeit inkl. Pausen: 5 Std. 25 Min.
Benötigte Zeit ohne Pausen: 4 Std. 05 Min.
Tageszeit: 10:00 bis 15:25 Uhr