Militärhistorische Bergwanderung Piz Umbrail 3033 m – Punta da Rims 2946 m – Bocchetta di Forcola 2768 m

Heute nutzten wir das Angebot der Gäste-Information Val Müstair; unter Führung von Chantal Lörtscher durften wir einen prächtigen Tag in der Hochgebirgswelt am Piz Umbrail erleben. Eine geführte Wanderung quasi auf den Spuren der Gebirgssoldaten des Ersten Weltkrieges. Wichtig zu wissen: bis zum Jahre 1918 verlief die Grenze zwischen dem Königreich Italien und der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn quer zur Passhöhe des Stilfserjochs. Eine Grenze in Fels und Eis, um welche während der Kriegsjahre 1914-1918 erbittert gekämpft wurde. Weitere Informationen zum damaligen Kriegsgeschehen im Gebiet Stelvio-Umbrail finden Interessierte auf dieser Website.

Nach der gemeinsamen Fahrt hoch zum Pass Umbrail starteten wir kurz nach acht Uhr in Begleitung unserer Bergfreunde Susanne und Richi, Linda aus Sta. Maria war auch dabei. Beim Parkplatz vor dem Berghaus Astra, welches direkt am Schweizer Zoll liegt, vermittelte Chantal erste Informationen zum historischen Hintergrund; hier stehen auch viele Schautafeln. Noch etwas: gestern um 17 Uhr erlebten wir mit dem Besuch des Museums 14-18 in Sta. Maria Val Müstair eine eindrückliche Vorbereitung auf unsere heutige Tour. Interessant zu wissen: Pass Umbrail – Giogo di Santa Maria – Wormserjoch; ein Passübergang mit drei Namen? Nichts Aussergewöhnliches am Begegnungspunkt dreier Sprach- und Kulturräume. Der Übergang von Santa Maria Val Müstair nach Bormio (deutsch: Worms) im Veltlin war für den mittelalterlichen Warenverkehr von grosser Bedeutung, verlief doch über den 2500 m ü. M. liegenden Gebirgspass die kürzeste Verbindung zwischen Venedig und Mailand in den Raum nördlich der Alpen. Salz aus den Bergwerken des Tirols wurde zur Konservierung von Lebensmitteln in den Süden gesäumt, Weinfässer gelangten über den Saumweg in den Norden. Entsprechende Warentransporte waren schon damals straff organisiert und reguliert.

Nach zehn Minuten Briefing war Bewegung gefragt, denn es war kühl, knapp um die Nullgradgrenze. Der Aufstieg begann gleich hinter dem Berghaus und führte angenehm steigend bald an die Sonne und zu den ersten Zeugen des Kriegs: Ruine Sappeurheim und dann der Grenzstein Nr. 7. Ein Genuss, an der wärmenden Sonne das Gelände zum Stilfserjochpass, zur Dreisprachenspitze und zum Monte Scorluzzo zu überblicken. Im weiteren Aufstieg kamen wir an den Grundmauern weiterer Ruinen ehemaliger Stellungen der Schweizer Armee vorbei. Nach der Ruine Wildschütz, auf einer Höhe von ca. 2740 m.ü.M. verliessen wir den Normalweg zum Piz Umbrail. Den Respekt einflössenden Gipfel mit dem leuchtenden Gipfelkreuz über uns liefen wir an der Ruine Bridlerhorst vorbei. Bald wechselte die Unterlage von Geröll zu Fels. Auf gut markiertem Pfad erreichten wir den Einstieg zum Klettersteig, der in diesem Sommer streckenweise neu angelegt worden und gut eingerichtet ist mit Drahtseilen und Metalltritten. Dennoch ist auf dem Weg zum Gipfel Schwindelfreiheit und Trittsicherheit unbedingte Voraussetzung. Auf einer Höhe von etwa 2840 m.ü.M. erreichten wir einen italienischen Beobachtungsposten, dessen Eingang durch einen gut erhaltenen, stabilen Holzverschlag erklettert wird – Platz für drei Personen, ein Ausguck mit grandiosem Ausblick! Nach einer kurzen Pause der weitere Aufstieg, bis der Steig mit Erreichen des Normalaufstiegs endete. Jetzt noch ca. siebzig Höhenmeter bis zum Gipfel, der uns gehörte – niemand oben, nicht einmal Biker – sonst eine übliche Erscheinung. Das 360°-Panorama vom Feinsten, wolkenlos und blau blau blau. Und die Fernsicht dank der tiefen Luftfeuchtigkeit unübertrefflich. Nachdem  wir uns etwas «erholt» hatten, machten wir uns auf den Spi da Rims, den etwa 2.4 km langen Grat, auf welchem es abgesehen von einigen Zwischenaufstiegen mehrheitlich abwärts ging. Unterwegs einige knifflige, aber kaum ausgesetzte Schlüsselstellen, welche alle bravourös meisterten. Und bald folgte die grosse Ablenkung: der Blick zum etwa fünfhundert Meter tieferliegenden, smaragdgrün leuchtenden Lai da Rims. Auf dem «Sandhügel» Punta da Rims angelangt, hiess es vom Lai da Rims Abschied zu nehmen. Jetzt hatten wir den Abstieg auf der italienischen Seite vor uns: auf der steilen und rutschigen Unterlage war Vorsicht angesagt: Chantal erinnerte uns an die ideale Gehtechnik. Das unter uns liegenden Gelände ist eindrücklich erschlossen, viele Militärstrassen, verfallene Kasernengebäude, Berge, welche kaverniert sind – heute ein beliebtes Trailgelände für Biker. Über die Bocchetta di Pedenolo kann nach einem sehr schwierigen Gelände mit vielen Serpentinen der Lago di Cancano und anschliessend der Lago di Fraele erreicht werden. Kurz vor dem Übergang Bochetta di Forcola führte uns Chantal in die Ruine der Kaverne Ricovero – sehr eindrücklich (siehe Bilder). Nach Erreichen der Bocchetta stiegen wir über zwei Serpentinen steil ab – für die meisten Biker eine Schiebestrecke. Bis zum Bach, der das Valle del Gesso entwässert, waren wir beinahe gemütlich unterwegs. Ablenkung bot ein ziemlich fetter Mungg, der gar keine Scheu zeigte. Nach etwa drei Kilometern ohne grossen Höhenunterschied erreichten wir die Landesgrenze und einige Meter nach der Überschreitung den Ausgangspunkt – den Pass Umbrail. Nach acht Stunden Wanderzeit endete eine eindrückliche Themen-Wanderung im hochalpinen Grenzgebiet am Piz Umbrail.

Fazit:
Eine äusserst geschichtsträchtige und landschaftlich unvergessliche Runde. Ein herzliches Dankeschön Chantal für die sehr fachkundige und engagierte Führung!

Wetterverhältnisse:
Herbstlich schönes Wetter, keine Bewölkung, ausgezeichnete Fernsicht, Temperatur um +0 bis +12° C, an exponierten Stellen spürbarer Wind ca. 10 bis 35 km/h aus N.

Ausrüstung:
Feste Bergschuhe, Stöcke, Kartenmaterial, GPS-Maschine

Parameter:
Tourdatum: 23. September 2026
Schwierigkeit: T4+, Klettern I
Strecke: 10.1 km, Pass Umbrail, Schweizer Zoll (2501 m) – Ruine Sappeurheim – Grenzstein Nr. 7 – Ruine Mathahütte – Ruine Barbarahütte – Ruine Langer Fritz – Ruine Munggenburg – Ruine Alvierhütte – Ruine Wildschütz – Verlassen des Normalwegs bei 2740 m.ü.M. – Ruine Bridlerhorst – bei 2800 m.ü.M. kurzzeitig Überschreitung Landesgrenze CH/I – bei ca. 2820 m.ü.M. Wechsel Unterlage von Geröll auf Fels, Beginn Klettersteig – ital. Beobachtungsposten, Holzverschlag (ca. 2840 m) – Weiteraufstieg ziemlich genau auf der Landesgrenze – bei 2970 m.ü.M. Erreichen des Normalwegs zum Gipfel – Piz Umbrail (2033 m) – Grat Spi da Rims (P.3022, P.2989, P.2895 – Punta da Rims (2946 m) – Ruine Kaverne Ricovero (2820 m) – Bochetta di Forcola (2768 m) – Valle del Gesso (P.2612) – Ruine Baitello di Cögno (2589 m) – P.2554 – Pass Umbrail, Schweizer Zoll
Auf den folgenden LINK klicken und die Tour als 3D-Video anschauen und Lautsprecher EIN, wer Musik gerne hat…
Aufstieg: ca. 700 m
Abstieg: ca. -700 m
Benötigte Zeit inkl. Pausen: 8 Std.
Benötigte Zeit ohne Pausen: 4 Std. 45 Min.
Tageszeit: 08:10 bis 16:15 Uhr

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